Reales Kapitel: Abgebrochene Fingernägel
1. Alice
Unzählige Tropfen laufen über die Scheibe, die ihr Gesicht spiegelt. Es ist ein trostloses Gefühl dem dunkelblauen Himmel anzustarren und auf die Zeit zu warten. Sie zieht eine Zigarette aus der
Jackentasche, das Feuerzeug, zündet sie an. Sieht der Glut zu, wie sich über die weiße Fläche zu ihr hin bewegt. Lächelt und atmet aus. Ihre langen braunen Haare sind nass, ihre Klamotten sind
kalt.
Das lauwarme Wasser das sie überteuert als Kaffee verkaufen, schmeckt abgestanden. Unruhig löffelt sie in der Brühe herum und zieht an der Zigarette.
Der Laden ist fast leer. Die träge Eintönigkeit. Und jeder dieser Menschen hält sich für etwas Besonderes. Das haben Menschen an sich, sich für besonders zu halten. Gegen den Strom, dabei sind sie
alle tote Fische, die nur noch zappeln. Die Uhr tickt. Ihr wird schlecht.
Er öffnet die Tür mit demselben grimmigen Blick.
Das karge Licht bricht sich an seiner Gestalt und wirft Schatten über den Boden. Die Welt wirkt zäh. Langsam bewegt er sich auf sie zu, als wäre jeder Schritt durchdacht und bewusst.
In dieser Nacht hat sie von einem Strand geträumt, über ihr der blaue Himmel. Der Ozean und die Welle. Über ihr ein Kokon aus Glas. Risse, die das Glas zu Kristall machen. Das Geräusch, wenn das Glas
dem Wasser nach gibt. Das Gefühl, das Lächeln, der Schmerz in ihrer Brust. Bevor die Welle sie erfasst.
Sie steht auf, geht ihm entgegen. Ihre Blicke schneiden die Luft. Er streicht ihr über das Haar. Nimmt einzelne braune Fäden, wickelt sie auf, lächelt. „Mein Kind…“, sagt er und lächelt.
Die Ruhe vor dem Storm ist merkwürdig. Du weißt, es geht los und kannst nichts tun, um es zu verhindern. Es liegt vor dir, wird Teil deiner Identität werden und du stehst nur stumm da und wartest auf
dein Schicksal, genießt den Moment, den letzten Atemzug, bevor es dich bricht.
Die Schatten an den Wänden werden zu Geistern. Der Ton ihrer Schuhe auf Asphalt. Ein unruhiger Herzschlag führt sie durch den Regen. Er hält ihre Hand, ganz fest. Sie kann sie kaum bewegen. Ihre
kleine, hellweiße Faust in seiner.
Zeit ist nicht gleich Zeit. Manche Zeit vergeht schneller, als die andere. Manchmal fehlt sie ihr. Aber sie weiß es doch, hält es für normal. Die Leute schauen auf ihre Uhr und sagen: Ah, schon
Mittag? Sie fragen sich, wie die Zeit verflogen ist, fragen wer an der Uhr gedreht hat. Zeit ist somit keine Konstante, sie ist eine subjektive Betrachtungsweise, um den Dingen Struktur zu
geben.
Ihre Struktur ist lückenhaft. Manchmal springt die Uhr, vergisst Stunden oder Tage. Sie lebt neben sich, neben der Zeit.
Ein unruhiges Ticken.
2. Sammy
Unruhig wühlt sie in ihrer Handtasche. Ihre Fingernägel sind abgebrochen. Die Handtasche einer Frau, scheint manchmal unendlich groß und sie findet kaum was sie sucht. Erleichert öffnet sie das
Päckchen mit den Pillen. Blau schimmernd, rund, ein wenig Spitz, liegt sie in ihrer Handfläche. Fast eine Schande, so viel Geld einfach herunter zu schlucken. Also greift sie nach der Flasche und
schluckt.
Sie fühlt die Ruhe, die sich in ihr ausbreitet und lässt sich gegen die Fließen fallen. Dunkle Ränder um porzellanweiße Dreiecke. Immer und immer wieder dasselbe Muster.
Sie atmet tief durch, verschließt die Tasche sorgfältig. Die Drogen und das Geld versteckt sie in der Seitentasche, wo man sie kaum sieht.
Unfreiwillig erhebt sie sich schließlich und spritzt sich Wasser ins Gesicht.
Diese Toilette ist ein Drecksloch, diese ganze Gegend ist ein großes Dreckslos und sie steckt bis zum Hals in der Scheiße und kommt nicht raus.
Sie zieht die dünne Jacke über, packt die Tasche und macht sich auf den Weg.
Der kalte Geruch von Schnee dringt an sie heran. Ihre Glieder sind schwer, die Augen einiger Passanten bleiben an ihr hängen, verschwinden aber schnell wieder im Tumult.
Weihnachtsmarkt. Glühwein und Spielzeug.
Manchmal steht sie da, steht einfach da und beobachtet die Menschen. Es gibt keinen Grund, es gibt ihr nichts. Es ist alles nicht real, der Schein trügt, wenn man genauer hinsieht. Aber für diesen
einen unerträglichen Augenblick in dem alles gut ist, nimmt sie es in Kauf. Für diese eine Sekunde, in dem sie den Gedanken verdrängen kann, die sie hinter die Kulissen menschlicher Perversion
führen. Es ist die Hoffnung, die fest am Boden klebte. Es ist die Hoffnung, die den Schmerz nur noch tragischer macht.
Im Zimmer riecht es nach Lavendel. Die Duftkerze, auf dem Nachttisch ist rosa. Sonst ist der Raum leer, bis auf das Bett und einen Schrank.
Eingehüllt in ein schwarzes Neklischee liegt sie auf dem Bett, die Beine und Arme ausgestreckt. Unschlüssig dreht sie sich zur Seite um einen Blick auf die Uhr zu erhaschen. Die Minuten davor, sind
zäh, aus Gummi. Sie laufen gegen sie, laufen viel zu langsam. Sie zögern es hinaus, das macht es nur noch schlimmer.
Das knarren der Tür verrät ihn.
Ein neuer Kunde, Mitte vierzig vielleicht. Sie denkt schon lange nicht mehr darüber nach, stellt keine Fragen. Es ist ein Instinkt, ein natürlicher Reflex, wenn auch antrainiert.
Die Körper aneinander reiben, das unschuldige Mädchen spielen, das frei von jeglicher Sünde ist. Die rote Unterwäsche, die er mir den Zähnen auszieht. Bewegen, ihn dienlich sein. Über ihr. Auf ihm.
Seine nassen Hände, seine schmierigen Griffel. Über ihren Brüsten, ihren Schenkeln. Das Glied im Mund schmeckt sie die Erektion. Er hält ihren Kopf fest und sie schluckt und lächelt dabei, wie sie es
gelernt hat.
Ein paar Schläge, ein bisschen SM, ein bisschen Rollenspiel und Fantasie. Nichts Ungewöhnliches. Solide, würde sie eher behaupten. Dafür ist sie schon zu lange im Geschäft.
Danach ist ihr kalt, das Sperma auf ihrem Körper, der Schweiß. Sie bleibt liegen, wartet bis die Schmerzen nachlassen. Es ist ein unberuhigendes Gefühl da zu liegen, Opfer zu sein und nichts tun zu
können. Sie will in keine Opferrolle. Es ist alles nur ein Stück und sie ist nur Statistin. Das Leben ist nur eine Bühne und sie steht im Scheinwerferlicht, alles wartet auf ihren Einsatz und am ende
interessiert es doch niemanden, ob sie lebt oder stirbt.
Aber eigentlich ist das ok, für sie. Eigentlich ist es ok, so zu sein, so zu leben.
Es ist ein Beruf. Ein Job.
Ihre Mitschülerinnen machen ihn nicht. Aber sie weiß ja, das dieses Leben ein Geheimnis ist. Ihre Schande, die sie verbergen muss.
Im Spiegel sieht sie das Mädchen, mit der weißen Haut, den Prellungen und roten Lippen. Der Lippenstift ist verschmiert, sie zieht ihn nach.
Ein Clown. Die Schminke ist ihre Maske, dann muss sie sich nicht erinnern, muss nicht denken. Sie kann sich hinter der Maske, die zu ihrem Gesicht wird, verstecken. Damit keiner die schändlichen
Gedanken dahinter sieht.
Es ist paradox, dass alles zu überschminken. Aber trotzdem, für den Moment tut es weniger weh.
Wieder hört sie das knarren der Tür, schließt die Augen, atmet aus, spritzt Wasser in ihr Gesicht und lächelt. Langsam geht sie ihm entgegen.
Ein Stammkunde.
Es gibt Menschen, die kommen zu ihr, um Macht zu genießen, Macht über sie oder sich. Über die Welt oder ihr Leben, die sie nicht haben. Hier können sie sein wer sie sind und sie bestimmen was getan
wird und was nicht. Dass diese Welt falsch ist, interessiert sie nicht, nicht in diesem Moment. Man kann wenigstens glückliche Momente kaufen, was danach kommt ist eine andere Geschichte.
Und es gibt Menschen die nach Nähe suchen, nach Liebe, nach Fürsorge.
Die Schläge sind einfacher zu ertragen, als die emotionale Gewalt.
Trotzdem hört sie ihm zu. Hört die Autos auf der Straße, den Wind. Kinderstimmen und nickt. Was soll sie schon sagen? Es ist wie es ist.
Ändern kann man sein Leben nur selbst.
