Polizeiwache

Der Polizist in der grünen Jacke, konnte nicht sagen was er an dem Mädchen so irritierend fand. Er kannte viele Jugendliche, ob gewalttätig, verwahrlost, drogenabhängig.
Sie passte in keine Schublade. Ihr wildes Haar, die schwarz geschminkten Augen und das bunte Kleid. Kleider im Stil seiner 4-jährigen Tochter. Er glaubte den Begriff Babydoll dazu zu kennen. Die passenden hohen Schuhe, ließen nicht auf Verwahrlosung schließen.
Er dachte über das alter nach, ob seine Irritation daraus resultierte. Erst wirkte sie wie ein Kind, weinend, allein, verlassen, voller Trauer und Verwirrung, dann, es war als drückte man einen Knopf, erschien sie ihm wie eine erwachsene Frau. Rational, manipulativ mit ihren Reizen. Einsichtig.
Zwischendurch bekam sie die Augen eines wilden Teenagers, voller Wut und Hass. Blitzschnell und hart, fast wie ein zucken, trat sie ihm zwischen die Beine. Er sank zu Boden.
„Scheiß Kinderficker!“ Sie schrie die Worte nicht. Sie spie sie ihm entgegen, wie Gift und Galle. Augen voller Hass.
Er dachte an Missbrauch, nur warum sie die Polizei so rasend machte, verstand er nicht.
Sie hätte weglaufen können, sie war mit Sicherheit schnell. Sehr dünn, sehr sportlich. Aber sie tat es nicht. Sie stand nur da, direkt vor ihnen, schaute ihnen in die Augen, mit dem Besteck und dem Heroin in der Hand.
Ob sie ein Straßenkind war? Ob sie ihren Körper verkaufte?
Er schüttelte den Kopf. Was trieb ein Kind, sie war bestimmt noch nicht volljährig, in diesen Sumpf?
Eine Antwort sollte er finden, viele Jahre später. An diesem schönen Sommertag, an dem er bei einem Kollegen vorbeischaute. Privat. Und sein dunkelstes Geheimnis sah. Aber der eine Rabe hackt dem anderen kein Auge aus. Und beide werden sie weitermachen, als wäre nichts gesehen.

Nun sitz sie da. Sitzt nur da, starrt an die Wand, mit leeren, unnatürlich bleichen Augen und dann erkennt er, was ihm am meisten an diesem Mädchen irritiert. Es sind ihre Augen. Grün. Blau. Braun. Groß. Klein. Sie scheint so viele Augenpaare zu haben. Ruhige, verwirrte, rationale, wilde Augen.
Er weiß in ihren Augen liegt ein Geheimnis.

Er ist sicher, das sie ihre Rechte kennt, trotzdem ließt er sie vor. Sie bleibt ruhig, die Handschellen sind viel zu eng, er lockert sie. Sie scheint es nicht zu spüren. Sie sieht durch ihn hindurch, weit weg, vielleicht an einen besseren Ort. Irgendwo in ihrem Kopf, wo wir alle glücklich sind.
Auf dem Polizeirevier bittet er sie um ihre Aussage, stellt ihr einen Kaffee und ein Glas Wasser hin.
Und da sind sie wieder die rationalen Augen.
Sie erzählt es, in abgehackten Sätzen. Wie ein auswendig gelerntes Gedicht, eine Geschichte.
Falsche Freunde. Gutes Elternhaus. Jugend, Pubertät. Weiche Drogen. Harte Drogen. Geldmangel. All die Geschichten, die er schon kennt. Die Muster, die Bilderbuchabstürze.
Ihre Lippen sind ausgetrocknet und rissig, ihre Schminke verlaufen, ihr Kleid voller Schlamm, als sie sie in den nassen Boden stürzten, um sie in Handschellen abzuführen.
Sie verlangte keinen Anwalt, auch wenn sie es hätte tun können. Sie sagte nicht die Wahrheit. Sie hatte diese Geschichte auswendig gelernt, vielleicht hatte sie sie schon oft erzählt. Vielleicht war die Wahrheit selbst für sie unerträglich.
Aber er wischte die Gedanken weg und dachte an die armen Menschen, die ihre Eltern sind. Mit so einem Kind, so wechselhaft, so pubertär, aggressiv, einem Kind das in einem Drogensumpf steckt. Wie muss man sich als Mutter, als Vater einer solchen Tochter fühlen? Wie sehr muss man sich schämen und schuldig fühlen?
Dabei genoss sie bestimmt eine gute Erziehung, eine liebende Familie. Sie war nicht die Tochter eines arbeitslosen Alkoholikers.

Das alles wusste sie, als er herein kam. In privater Kleidung, zerknirscht. Er wirkte den Tränen nahe. Er kannte ihn. Ein Kollege. Kommissar. Diese Kind konnte sich glücklich schätzen einen so liebenden Vater zu haben und doch warf sie ihr Leben in den Dreck.
Und er, er war nicht mal böse oder ärgerlich. Er umarmte sie nur traurig, streichelte ihr übers Haar, sanft und väterlich. Flüsterte ihr leise ins Ohr. Auch wenn er die Worte nicht hören konnte, er wusste was er sagte, dass er sie liebte. Nur das konnte er sagen, bei einer solchen Umarmung.
Was keiner hörte, was nur sie hörte, war die Drohung. Die Drohung dass es diesmal noch mehr weh tun würde, das sie sich nicht erwischen lassen sollte. Er habe es ihr doch beigebracht.
Er ließ sie los, fasste sie an die Hand. Bat darum sie mit nach Hause nehmen zu dürfen. Für einen Kollegen tut man das natürlich.
Obwohl eine harte, durchgreifende Hand für sie womöglich besser gewesen wäre.
Er nahm ihre Hand und ging hinaus in die Nacht. Noch vor dem Wagen, auf dem dunklen, einsamen Parkplatz würde er ihr die Nase brechen.
Aber sie wird stumm sein, wie sie es immer ist. Wird stumm sein, und es ertragen.

Und beim nächsten Mal, wird sie schneller sein.