Spiegel.biLd
(... verblasst mit der Zeit...)

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~27.04.06~
Ich kann sie sehen... ganz nah. Die Augenringe, die Haut, die dünn, fast wie Papier zerreißt. Die kalten, klammen Hände. Das zerzauste Haar, das Lächeln auf den Lippen, das unecht, fast zu schön, auf den blassen Strichen liegt. Aber nichts, nichts an ihnen schreckte mich so ab, wie ihre Augen. Jedes beseelte Wesen schreckte vor solchen Augen zurück. Augen, ohne Aussage. Ein zielloser Blick, von verworrenen Träumen dominiert. Ihre Augen, die stummen Zeugen ihres aufgeladenen Kreuzes. Schwarze Pupillen in rotunterlaufenen Weiß, gemischt mit dem grauen pastelton ihrer Haut. Ihre Augen die dich nicht mehr sehen, selbst wenn ihr zielloser Blick für eine Sekunde an dir festhält. Sie erwachen nicht, sie träumen immer. Sie sind Schlafwandler.
In jedem lebendigen Auge zuckt Schmerz und Hoffnung auf, Angst und Fürsorge. Blicke können mehr sagen als tausend sinnlose Worte.
Ihre Blicke sagen nichts mehr. Sie zeugen von der Qual, dem Schuss... sie zeugen von den Anfängen, bis hin zum bitteren ende.

Licht und Dunkel... ein Schattenspiel.
Ich kann sie sehen. Ich kenne sie. Ihre Namen. Zu dem Zeitpunkt als sie ihnen noch Bedeutung zugemessen haben. Ihre Worte gehen denselben verworrenen Weg wie ihre Blicke. Finden kein Ziel, schwinden im Wind. Der Hauch einer Ahnung kann sie ergreifen, aber es kann sie nicht mehr berühren. Nichts kann sie mehr berühren, sie sind sicher. An dem Ort dem sie sich schufen, sind sie alle sicher. Ganz sicher.
In Wahrheit hat es sie mit der schnellen und sicheren Gewalt einer Kugel durchdrungen... bis auf den letzten Knochen, den letzten Nerv, bis nichts mehr von dem Mensch übrig war, der sie einmal gewesen sind.
Sie alle haben ihre Geschichte.
Die Geschichte eines Vaters, der die Finger nicht bei sich lassen konnte. Eines ersten Freundes, der Vertrauen missbrauchte. Einen einsamen Gang in einer dunklen Gasse, einem falschen Blick. Eine unglückliche Liebe. Die eigene oder der anderen. Berührt von einer Wahrheit, die sie niemals hätten erahnen sollen.

Vielleicht messe ich ihnen allen auch zuviel Bedeutung zu.
Den verloren Kindern unserer Zeit. Den Junkies am Bahnhof, die sich denselben Stoff in die Venen jagen wie ich.
Vielleicht haben sie gar keine Geschichte, vielleicht sind sie wirklich glücklich so.
Was weiß ich, die ich selbst solche Augen habe?
Es gibt nur ein einziges Gefühl das alles verbindet. Die Gier. Und in diesen kurzen, flüchtigen Momenten, glaube ich es zu sehen. Ich glaube das Leben zu sehen. Ich glaube das Schicksal zu sehen.
Aber dann liegen sie wieder da und sind nur Marionetten und womöglich hat mir mein Auge einen Streich gespielt. Mein menschliches, unvollkommenes Augenpaar, das für alles einen Grund finden muss. Mein menschlicher Verstand, der von Morphin und Heroin zerfressen, den Sinn sucht.
Wahrscheinlich bin ich die ruheloseste unter ihnen.
Sie sind glücklich. Sie sind da in ihrem Kopf. Irgendwo und es tut nur manchmal weh.
Habe ich auch solche Augen?
Die wirren Gedanken?
Den ziellosen Blick?

Sehe ich nur in mein Spiegelbild...?