Zimt
... die Droge einer Hure.
Es riecht nach Zimt. Sie ist sicher, es riecht nach Zimt. Woher der Geruch kommt, das weiß sie nicht, aber es ist auch nicht von belang. Vor dem Fenster tobt der Frühling, in all seiner Herrlichkeit.
Schmetterlinge tanzen, Bäume wehen in sanftem Wind.
Es ist einer dieser Tage, einer dieser perfekten Tage. Es gibt Tage, da scheint die Welt vollkommen, Tage an denen es unmöglich scheint zu leiden, selbst für die, die täglich von ihren Dämonen
gequält werden.
Der Frühling hat einen Geruch, womöglich kommt er daher, der Zimt.
Sie liegt an das Sofa gelehnt. Das Fenster ist geschlossen, man sieht das es schon lange nicht mehr geputzt wurde, sie weiß das sie es tun muss. Aber sie hasst es zu putzen. Der Lichtkegel auf dem
grauen Teppichboden wandert schon den ganzen Tag. Am Morgen noch war er schwach und kaum sichtbar,dann wuchs er heran, zu einem festen, starken Strahl. In dem Kegel spielen Staubflusen, jede für sich
und miteinander.
Sie lächelt. Heute ist einer dieser Tage.
Neben ihr liegt das Besteck. Ein Tropfen Flüssigkeit markiert beinahe die Mitte des Raumes. Die Spritze liegt verloren da. Das braune Gold fließt durch ihre Venen, erfüllt jeden Herzschlag mit einem
verlorenen Traum. Ihre Augen tanzen mit den Wimpernschlägen. Die Iris wird starr. All die Last fällt von ihr. Es ist einer dieser Tage.
Der Lichtkegel ist wieder schwach und klein als der schrille Ton der Klingel sie weckt. Sie war im Delirium, irgendwo zwischen hier und jetzt, heute und morgen. Irgendwo zwischen hohen Bergen und
tiefen Seen.Irgendwo zwischen der Zeit und der Welt.
Wieder die Klingel. Sie ist schrill. Das ist die Realität.
Ihr Körper fühlt sich fremd und weit weg an. Sie stützt den Arm auf den Boden und hievt sich hoch. Ein bisschen wankt sie, hält sich am Sofa fest und versucht nicht zu fallen. Nur nicht fallen. Das
rote Ledersofa hat schon Kratzspuren.
Es klingelt erneut. Er ist ungeduldig, womöglich ist er wütend, hat sich mit seiner Frau gestritten.
Sie trägt einen Hauch von dem Nichts, das in ihr ist. Ein fast durchsichtiges Seidentop ziert ihren unnatürlich dünnen Körper. Die Knochen und Adern stehen hervor. Eine verlorene Schönheit. Die
Lippen sind voll und rot. Der Lippenstift ist ein wenig verschmiert, die Wimper tusche läuft ihr über die Wangen.
Hat sie geweint?
Nicht an so einem Tag. Es ist doch einer dieser Tage.
Als sie die Tür öffnet, sieht sie schon das zornige, rote Gesicht. Sie weiß sofort, worum es geht. Er ist schon älter, fast zwanzig Jahre. Ein alter Mann, vom Leben gebeutelt. Verdrängt seinen
Schmerz in Sex und Alkohol.
Warum hassen sich Menschen? Warum leben sie noch zusammen,wenn sie sich hassen?
Sie fragt sich immer wieder dasselbe, sie findet keine Antwort, außer das es ihm eine perfide, perverse Lust beschert, es ihn geil macht.
Sie fühlt den Schlag, bevor er sie trifft. In den Magen, niemals ins Gesicht. Die blauen Flecken wären zu auffällig, sie ist erst 14,wie sollte man es der Mutter erklären?
Die Faust in ihrem Magen lässt sie zu Boden sinken. Der graue Teppich fängt sie auf. Sie fühlt es nicht, als er in sie eindringt.Wieder ein Schlag. Wieder ein Stoß.
Schweiß, Schmerz, sie schreit.
Glück in ihren Venen.
Heißes Blut. Es brennt, es verbrennt sie. Sie bricht in Stücke.
Es ist einer dieser Tage.
Sie denkt an das Geld. Sie bekommt immer mehr Geld, wenn er sie schlagen darf. All die Wut, die perverse Lust, all das was er in der wirklichen Welt nicht ausleben kann. In der wirklichen Welt, in
der er ein guter Mensch ist, all das ist Teil ihres Lebens. Ihres Schattendaseins…
Aber es bedeutet nichts. Der Geruch von Zimt steigt ihr erneut in die blutige Nase.
Es riecht nach Zimt.
Es ist einer dieser Tage.
